Verwandte sind auch Menschen

eine Komödie von

Erich Kästner und

Eberhard Keindorff

Eine Aufführung aus dem

Siebengebirgsgymnasium

Bad Honnef

Produktion und Regie:

Gregor Pallast

 

 

EXTRABLATT, EXTRABLATT

 

Millionär stirbt auf Heimreise

 

Die Bad Honnef Times berichtet am 13. Mai 1928 von dem mysteriösem Millionär Stefan Blankenburg, der auf der Überfahrt von New York nach Hamburg verstorben war. Der gebürtige Bad Honnefer wollte nach über 40 Jahren zurückkehren, um hier seinen Ruhestand zu verbringen.

Ja, wer hätte es gedacht, im Jahr 1928 gab es auch schon FAKE NEWS.

Die wahre Geschichte ist relativ schnell erzählt: Ein sehr reicher Mann aus Amerika will sich für die Bosheiten seiner Verwandten rächen, die er in jungen Jahren erfahren hat. Er lässt sich totsagen, um, als Diener verkleidet, die weit verzweigte Sippe, die ihn nicht kennt, bei der Testamentseröffnung zu beobachten und zu ärgern. Soweit der Plan. Später allerdings tut ihm die Fopperei leid, denn seine Verwandten sind gar nicht so übel; sie haben ihren Spleen und ihre liebe Not mit dem leidigen Geld, aber ansonsten sind sie eben "auch nur Menschen"

Ich möchte jetzt nicht die ganze Geschichte in allen Einzelheiten erzählen, schließlich bin ich Fotograf und kein Geschichtenerzähler, dennoch möchte ich die "weit verzweigte Sippe" im Bild vorstellen (per Click vergrößerbar).  

Das ist Elisabeth Beckmann, das Zimmermädchen. Sie sucht einen Millionär mit Villa. Sie verspricht saubere Arbeit im Gegenzug zu großzügiger Bezahlung: "Freuen Sie sich auf eine ambitionierte, engagierte und lebensfrohe junge Dame. Ich verschönere nicht nur Ihr Zuhause, sondern auch Ihr Leben !"

 

 

Nun, ihr Plan scheint im Hause Blankenburg nicht aufgegangen zu sein und wartet auf neue Angebote. Depeschen bitte unter der Chiffre 2146 an die Bad Honnef Times 

Die Ruhe vor dem Sturm. Der Diener Leberecht Riedel, der immerhin vierzig Jahre mit Stefan Blankenburg in Amerika verbracht hat, macht noch ein kleines Nickerchen . . . 

 

Zitat Paula Blankenburg:

"Wer Sie zum Diener hat, kann den Hund sparen."

Prof. Dr. Christian Blankenburg mit seiner Gattin, Frau Maria Theresia Blankenburg,

geb. Freiin Cosel-Cosel

 

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Die Klinik des Professors verspricht nicht nur schnelle Genesung, sondern bietet außerdem Balsam für Körper, Geist und Seele. Während sich der Professor um das Wohl der Patienten bemüht, ist Maria Theresia für die Verwaltung und den Haushaltsplan zuständig. Mit ihrer charakterstarken, durch satzungsfähigen Art bringt Maria Theresia die gesamt Belegschaft und sämtliche Arbeitsabläufe in der Klinik auf Trab . . . 

 

 

Paula Blankenburg, die Mutter von Prof. Dr. Christian Blankenburg, eine ältere Dame, liebenswürdig, energisch, lebenslustig und ungezwungen vornehm. 

 

Nach ihrer Ankunft verlangt sie zuerst nach einem Cognac - das Taxi, mit dem sie gekommen war, hatte nach ihrer Meinung wohl keine Reifen . . . , danach wollte sie im Garten die Blumen beim Wachsen beaufsichtigen . . . 

 

 

 

Emma Schramm, geb. Blankenburg, betreibt mit ihrem Mann einen Kolonialwarenladen im Berliner Stadtteil Britz. Ihr Mann heißt auch Schramm und ist im Geschäft geblieben. Sie haben die zweite Fahrkarte umgetauscht und dafür einen Anzug gekauft. Zitat: Man muß sehen, wie man mit dem . . . Rücken an die Wand kommt . . .  

 

 

Es erscheinen die Geschwister Böhmke - Hilde und Emil mit seiner Verlobten Charlotte Kunkel.

 

Hilde ist jung, hübsch und herzhaft - Emil sehr neugierig, beobachtet immer scharf und immer falsch.  Sie sind seit vielen Jahren arme Waisen.

 

Waisen werden sie auch weiter bleiben, nur mit der Armut sollte es jetzt hoffentlich vorbei sein . . . 

 

Lotte kennt Emil schon seit der Schulzeit . . . 

Dann taucht unvermittelt ein sympathischer junger Mann auf, der sich durch den Garten ins Haus geschlichen hatte.

 

 "Tante Paula" nennt ihn einfach Theodor, also spielt er fortan den Theodor aus Kapstadt, Europäischer Generalvertreter für Corned Beef

 

Später stellt sich heraus, er heißt Lothar Bildt und ist der Neffe des Dieners Leberecht Riedel 

 

 

 

Kurz darauf begehrt die Familie Zander Einlass: Otto Zander, ein großer Herr, der seine angeborene Gutmütigkeit meist hinter gespielter Strenge zu verbergen sucht. Ihm folgen im Gänsemarsch seine fünf Mädels, sowie seine Frau Ingeborg. Sie spielt das schweigsame Hausmütterchen, tatsächlich lenkt sie unmerklich die Geschicke der Familie.

 

Fehlt jetzt nur noch Cäcilie Blankenburg, die Schwester von Emma, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Bianka Castello.

 

Nach einem Bericht in der Bad Honnef Times soll sie die jüngste Aufführung der Zauberflöte ruiniert haben, ein weiteres Gastspiel sei unwahrscheinlich, im Kurhaus habe sie Hausverbot.

 

Immerhin, jetzt ist sie endlich da, nur der große Koffer steht noch am Bahnhof . . .  

Die Erbberechtigten sind nun alle vollständig versammelt, fehlt nur noch Justizrat Klöckner, der den Auftrag hat, den letzten Willen seines Jugendfreundes und Schulkameraden Stefan Blankenburg zu eröffnen:

 

Aus seiner Aktentasche holt er zwei versiegelte Briefe - das Testament, sowie ein zweiter Brief, der allerdings erst vier Tage nach der Testamentseröffnung verlesen werden soll. 

Nach dem üblichen Prozedere verkündet er nun den letzten Willen. Machen wir es kurz: Der Diener, Herr Leberecht Riedel ist der Universalerbe - die Familie geht leer aus und sinkt wie vom Holzhammer getroffen auf die Stühle und bleibt wie gelähmt sitzen. Justizrat Klöckner rafft in aller Eile seine Sachen zusammen, gratuliert Riedel und macht sich von dannen. Unbemerkt bleibt allerdings, dass sich Lothar den zweiten Brief heimlich an sich nimmt. 

Während die Familie noch in der Schockstarre verharrt, erscheint das Dienstmädchen und schickt das Publikum nach ein paar Kommentaren in die Pause . . . 

. . . zwei Tage später . . . 

Die allgemeine Stimmung hat sich inzwischen deutlich entspannt. Leberecht Riedel erkundigt sich bei den Herrschaften nach dem allgemeinen Befinden und ist sichtlich bemüht, das Frühstück zu servieren. Allein die Zubereitung des Kaffee's beweist sich als ein schwieriges Unterfangen.

 

Maria Theresia ist wenig erfreut sich weiter von ihm bedienen zu lassen:

Sie sind kein Diener mehr ! Sie sind ein reicher Mann. - Ein Diener mit soviel Geld ist wie . . . wie . . . wie 'ne Jungfrau mit einem Kind, ergänzt ihr Gatte. 

 

Ein Diener mit Geld bleibt ein Diener. Ein Feldwebel, der erbt, wird dadurch noch lange nicht General - und ausserdem müsse er sich jetzt um die Milch kümmern, war die Antwort.

 

 

Gegenüber Riedel hatte sich  "Theodor" als Journalist der New York Times ausgegeben, der über die Ereignisse im Hause Blankenburg berichten wolle. Zwei seiner Briefe, die er dem Diener zur Besorgung übergab, hatte Riedel bereits vernichtet - aus Sorge, seine Aktienkurse würden ins Bodenlose fallen, wenn sein (angeblicher) Tod in New York bekannt würde. Nun versucht er ihn mit Geld von seinem Vorhaben abzubringen . . . 

Auffallend in dem ganzen Durcheinander war, dass Lothar Bildt, alias Theodor, offensichtlich ein Auge auf die hübsche Hilde geworfen hatte . . . , doch in zwei Tagen, bemerkte sie seufzend, bin ich ja wieder im Büro und muß dem Chef erzählen, dass ich ihm als unschätzbare Kraft erhalten bleibe. Na, und die Kollegen, die lachen sich schief ! Sowas von Garnichtserben ! Wenn sie mich zu sehr ärgern, suche ich mir eine andere Stelle.

Theodor ergreift seine Chance und macht ihr den Vorschlag, für ihn als Sekretärin zu arbeiten. Er hätte auch gleich ein paar Briefe zu schreiben:

An - an die C.C.C. Capstadt Cornedbeef Companie, Capstadt, South Afrika 

. . . 

 

 

 

 

Familie Zander kommt von einer Excursion zurück, zuletzt hatten sie wie auch schon im Vorjahr den alljährlichen Familien-Wander-Wettbewerb von Oblag nach Breslau gewonnen. Als Schlüssel für seinen Erfolg gab der Bürovorsteher aus Breslau die wöchentlichen Familienausflüge unter seinem Oberkommando an . . .  

. . . das Frühstück lässt immer noch auf sich warten . . . 

Idalia übt mit dem Diener das große Einmaleins - doch dann wird sie traurig und erzählt: Wir haben doch'n Hund. Mutter sagt, es ist ein großer Dackel. Vater meint, es ist ein kleiner Schäferhund. Den müssen wir nun auch weggeben, Vater hat gesagt, wenn unsere Jüngste in die Schule kommt, können wir die Hundesteuer nicht mehr bezahlen. Dabei will die Kleine gar nicht in die Schule. Das Klavier wurde schon vor vierzehn Tagen abgeholt, wegen der Raten . . . 

Unterdessen erscheint der sehr aufgeregte Herr Justizrat und deutet an, das Kind wegzuschicken.

DER BRIEF IST WEG 111

Dein dämlicher Testamentszusatz! - Sowas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert!

 

Riedel bemerkt, er sei tot, nimmt Hut, Mantel und ein Köfferchen, zieht vor den Anwesenden höflich den Hut zum Gruß und geht stumm von dannen . . . 

. . . nun bleibt viel Raum für Spekulationen . . . 

. . . Emil ist felsenfest davon überzeugt, der Diener hat seinen Herrn auf dem Schiff umgebracht

. . . Tante Paula hält den Diener lediglich für schuldig, zwei Briefe ermordet zu haben . . . 

. . . unter der Aufsicht von Tante Paula wird dann das Abendessen vorbereitet: Otto schält die Kartoffeln, Emma und Lotte die Äpfel und der Professor öffnet im Hintergrund fachmännisch die Gans. Tante Paula bemerkt dazu: Eines steht jedenfalls fest, eine Gans, die von dem Leiter der chirurgischen Klinik aufgeschnitten wird, haben wir alle noch nicht gegessen. Lotte ergänzt: Endlich begreife ich, warum auf den Schildern neben den Haustüren immer "Praktischer Arzt" steht. Wenn du es gut machst, schenk ich dir ein Schild, darauf wird schön und deutlich gemalt sein: "Sehr praktischer Arzt".

Schließlich begehrt ein fremder Herr Einlaß.

Emil mutmaßt natürlich sofort, das ist der Kommissar, der den Diener umgehend verhaften wird.

Alle sind verunsichert. Nicht nur, weil sich der vermeintliche Kommissar sich sofort in einen Diener verwandelt und auch gleich an die "Arbeit" geht, nein, auch der "entflohene" Diener ist wieder zurück ist.

 

Endlich stellt er sich vor:

Ich heiße 

- Leberecht Riedel -

 

 

Allgemeine Fassungslosigkeit

Das Ende ist schnell erzählt: Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, klärt Stefan Blankenburg seine Verwandten über seine Beweggründe auf und bittet sie vielmals um Entschuldigung. Er macht ihnen sogar eine ehrliche Liebeserklärung und würde sich freuen, wenn sie noch ein wenig blieben.

Dann gibt es sogar noch richtig was zu feiern:

 

Lothar Bildt, alias Theodor, Neffe des (richtigen) Leberecht Riedel's hält um die Hand von Hilde an. Nach der Hochzeit waren dann alle Anwesenden miteinander verwandt . . .

 

 

 

ENDE 

Anmerkung

 

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei dem Literaturkurs der Jahrgangsstufe 11 des SIBI und allen guten Geistern vor und hinter der Bühne dafür bedanken, dass ich die Vorstellung live fotografieren durfte. Es war nur fantastisch !!!

 

PS. Das Foto von Gregor Pallast ist mit seiner Homepage verlinkt, ein Besuch lohnt sich !!!